«Jetzt Schwergewicht in der geistigen Welt»
Rudolf Steiner war infolge seiner Erkrankung ab Oktober 1924 sehr beeinträchtigt. Gleichwohl setzte er sich bis zu seinem Tod am 30. März 1925 für das ein, was er angelegt hatte – im Vertrauen zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Am 27. Februar 1925 wurde Rudolf Steiner 64 Jahre alt. Er lag schwerkrank in seinem Atelier im Schreinereikomplex des Goetheanum. Im Saal der Schreinerei, in nächster Nähe, fand die Geburtstagsfeier für ihn statt. Albert Steffen sprach über das Lebenswerk und las die Grundsteinmediation und die Michael-Imagination vor. Alle Zweige der Anthroposophischen Gesellschaft waren aufgefordert worden, zu dieser Stunde zusammenzukommen; Kraft, unterstützende Kraft, sollte von den versammelten Menschen ausgehen. Die Kinder und Jugendlichen der Stuttgarter Waldorfschule (DE) sandten ein Geschenkpaket ins Atelier, das unter anderem eine in rotes und blaues Leder gebundene Ausgabe der ‹Mysteriendramen› Rudolf Steiners enthielt. Sehr viele Briefe trafen ein.
Im Anbruch des Michael-Zeitalters
Am selben Tag gründete Adolf Hitler die NSDAP in München neu, die am 9. November 1923 nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch verboten worden war, und hielt eine Rede auf ‹Deutschlands Zukunft›. Die Vorzeichen des Kommenden waren unübersehbar – in seinen Leitsatz-Betrachtungen schrieb Rudolf Steiner unter spirituellen Aspekten über sie. Er hoffte noch immer, seine Kräfte wiederzugewinnen und den zweiten Goetheanum-Bau bald in Angriff nehmen zu können.
Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft mit ihren Fachbereichen erachtete er als wesentliches Instrument für das Wirksamwerden Michaels in der gegebenen Lage. «Und ich muss bald arbeitsfähig sein, denn was nach allem, das sich abgespielt hat, wäre, wenn durch meine Krankheit der Bau unterbrochen werden müsste, ist gar nicht zu ermessen», schrieb er am 5. März 1925 an Marie Steiner-von Sivers.[1]
Rudolf Steiner wollte am Innenmodell arbeiten und notwendige Änderungen an der Außengestaltung des Baus vornehmen, darunter bei den Dachproportionen, sowie an der Christus-Plastik weiterschnitzen, wozu ihm jedoch die Kräfte fehlten. Dennoch schrieb er von Hand noch am 15. März 1925 Dankesbriefe an die Stuttgarter Waldorfschüler und an das Lehrerkollegium. Er müsse nun, so ließ er die Lehrenden wissen, die nächsten Entscheidungen dem ‹Eigenrat› des Kollegiums übergeben. «Es ist eine Zeit der Prüfung durch das Schicksal. Ich bin mit meinen Gedanken unter Euch.» Er schrieb von der «Gemeinsamkeit im Geiste» und davon, dass die Waldorfschule zwar ein «Kind der Sorge» sei, «aber vor allem ist sie auch ein Wahrzeichen für die Fruchtbarkeit der Anthroposophie innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit»[2]. Noch immer hoffte er auf Besserung und den Wiedergewinn der Arbeitsfähigkeit inmitten der vielen drängenden Gegenwartsaufgaben.
Die Hochschule der Zukunft
«Bei mir geht alles furchtbar langsam; ich bin eigentlich recht verzweifelt über diese Langsamkeit», gestand er Marie Steiner-von Sivers brieflich eine Woche vor seinem Tod ein.[3] Am 3. März hatte er noch einmal mit Graf Ludwig Polzer-Hoditz über den «Kampf gegen den Geist» inner- und außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gesprochen, auch über die Bedeutung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und ihren Kern, die esoterische Michael-Schule. «In dieser Schule liegt der Kern des Zukünftigen als Möglichkeit. Wenn dieses doch nur von den Mitgliedern verstanden werden würde: als Möglichkeit.»[4]
Noch am 28. März 1925, an seinem drittletzten Tag auf Erden, unterschrieb Rudolf Steiner 13 neue blaue Karten, mit denen Menschen zu Hochschulmitgliedern wurden. Er verfasste auch noch neue Leitsatz-Aufsätze für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in seiner letzten Lebenszeit – ‹Das scheinbare Erlöschen der Geist-Erkenntnis in der Neuzeit›, ‹Die geschichtlichen Erschütterungen beim Heraufkommen der Bewusstseinsseele› und ‹Von der Natur zur Unter-Natur› (in: GA 26), die von Michaels Auseinandersetzung mit Ahriman und der Bedeutung der Anthroposophie handelten.
Der Tod und die Weiterarbeit
Am Sonntagmorgen, den 29. März 1925, erwachte Rudolf Steiner mit Schmerzen. In Deutschland wurde ein neuer Reichspräsident gewählt, und Adolf Hitler hielt sich in Weimar (DE) auf. In der Zeitschrift ‹Der Nationalsozialist› war von ihm als neuem ‹Führer› Deutschlands, als einem «Edelmenschen» mit «gewaltigem Ethos» die Rede, der eine «ihm von Gott auferlegte Mission am deutschen Volk zu erfüllen gewillt und befähigt» sei.[5] So weit war es bereits gekommen – und furchtbare Abgründe der Geschichte des 20. Jahrhunderts taten sich auf. Rudolf Steiners körperliche Lage verschlechterte sich – und sein Tod am Vormittag des 30. März vollzog sich rasch, wie den Schilderungen seiner Ärztin Ita Wegman zu entnehmen ist.
In einem Gedenk-Vortrag für Rudolf Steiner sagte Ita Wegman: «Die Arbeit auf Erden ist abgelaufen und das höhere Ich ruft das Ich, das auf Erden gewandelt hat, zu sich zurück. Ist er [der Mensch] ein Wissender, dann geht es bewusst in den Tod. So tat es Rudolf Steiner.»[6] Rudolf Steiner habe keine Vorbereitung für seine «andere Tätigkeit» in der geistigen Welt gebraucht, sondern sei unmittelbar zu dieser übergegangen.
Gesprächsaussagen Rudolf Steiners in seiner letzten Lebenszeit hatte Ita Wegman mit den Stichworten festgehalten: «Alles gesagt was Menschen aufnehmen können. Jetzt Schwergewicht in der geistigen Welt. Tote müssen auf neue Erdeninkarnation vorbereitet werden so wie auch die 3. Hierarchie.»[7] Die weiter wirksame Unterstützung der Individualität Rudolf Steiners erlebte Ita Wegman in ihren Initiativen nach dem 30. März 1925 – wie auch viele andere Menschen.
Titelbild: Rudolf Steiner, 13. Februar 1920, Foto: Otto Rietmann / Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach (CH).
Fußnoten
1 GA 262, 2014, Seite 452
2 GA 260a, 1987, Seite 405
3 GA 262, 2014, Seite 463
4 Zitiert nach Thomas Meyer: Ludwig Polzer-Hoditz, 2008, Seite 668f.
5 Zitiert nach Peter Merseburger: Mythos Weimar, 2009, Seite 315
6 Ita Wegman: Notizbuch Nr. 74 (1940), Ita-Wegman-Archiv
7 Ita Wegman: Notizbuch Nr. 42 (1933), Ita-Wegman-Archiv
Des Kosmos’ Geist
Ich möchte jeden Menschen
Aus des Kosmos’ Geist entzünden,
Dass er Flamme werde
Und feurig seines Wesens Wesen entfalte. –Die andern, sie möchten
Aus des Kosmos’ Wasser nehmen,
Was die Flammen verlöscht Und wäss’rig alles Wesen
Im Innern lähmt. –O Freude, wenn die Menschenflamme
Lodert auch da, wo sie ruht!
O Bitternis, wenn das Menschending
Gebunden wird da, wo es regsam sein möchte.
Quelle: Rudolf Steiner: GA 40, ‹Notizblatt 1925›, 2019, Seite 165