Studie zur anthroposophischen Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945

Studie zur anthroposophischen Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945

04 November 2026 Peter Selg 5 mal gesehen

Der Schutz der Gefährdeten

Die abschließenden zwei Teilbände der wissenschaftlichen Studie ‹Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik im Nationalsozialismus 1933–1945› sind im August 2026 im Schwabe-Verlag in Basel erschienen. Sie widmen sich auf über 1000 Seiten der Lage und dem Verhalten der sieben anthroposophisch-heilpädagogischen Einrichtungen sowie dem psychiatrischen Sanatorium Wiesneck (alle Deutschland).

Überblicke ich das Ganze und vergleiche ich es mit dem, was ich vor dem Beginn der Studie gedacht und in der Literatur gelesen hatte, so würde ich sagen: Die anthroposophischen Einrichtungen standen unter einem weit höheren politischen Druck als angenommen; sie gingen in dieser Situation aber auch mehr Anpassungen und Kompromisse ein, als in der bisherigen Forschung beschrieben wurde – und sie hatten mehr Unterstützung und Protektion. Und schließlich: Sie leisteten sehr viel mehr Widerstand. Alles war, zusammenfassend, ausgeprägter und intensiver: der politische Druck, die Anpassung, die Protektion und der Widerstand.

Ihre Betreuten waren – neben der jüdischen Bevölkerung – die gefährdetsten Menschen innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches. Psychiatrische Patientinnen und Patienten waren im NS-Staat ebenso wenig erwünscht wie seelenpflegebedürftige Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie galten als nicht hinreichend leistungsfähig, als Schwächung und ‹Belastung› des deutschen ‹Volkskörpers›. Sie sollten sich als vermeintlich ‹Erbkranke› nicht fortpflanzen und nach Möglichkeit ‹eliminiert› werden – was im Schatten des Zweiten Weltkriegs auch geschah. Als der Krieg zu Ende war, zählte man über 375 000 zwangssterilisierte Menschen in Deutschland, die Zahl dieser ermordeten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen wird heute auf mindestens 196 000 geschätzt.

 

„Studie zur anthroposophischen Psychiatrie und Heilpädagogik 1933–1945“. Erstveröffentlichung in Anthroposophie weltweit, Nr. 11/2026, S. 12–13.

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