Die Sektion
Die zentrale Aufgabe der Sektion ist die Anthroposophie selbst, ihr Wesen und ihre Entwicklung – sowie der Mensch als physisches, seelisches und geistiges Wesen. Durch ihre Arbeit trägt sie zur fortwährenden Entwicklung der Anthroposophie und zu ihrer zeitgemäßen Bedeutung bei.
Die Sektion
«Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.» - Rudolf Steiner, 1924
Das Goetheanum als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft umfasst gegenwärtig zehn Fachbereiche (Sektionen bzw. Fakultäten), die in einem spezifischen Lebens- und Wissenschaftsgebiet forschend, lehrend und ausbildend tätig sind, sowie eine Allgemeinen Anthroposophischen Sektion. In ihr steht die Anthroposophie selbst, ihr Wesen und ihre Entfaltung im Mittelpunkt, damit zugleich die Menschenkunde oder das „Problem des Menschen“ (Martin Buber) als physisches, seelisches und geistiges Wesen. Die Tätigkeitsschwerpunkte der Sektion am Goetheanum sind gegenwärtig im Ita Wegman Institut (anthroposophische Grundlagenforschung), im internationalen Seminar „Studium und Weiterbildung“ (Haus Schuurmann; s. Arbeitszusammenhänge) und im Bereich der spirituellen Schulung der sog. „Ersten Klasse“ (s.u.) zentriert.
Der Mensch kann sich in seinem Menschsein zur Frage und zum Inhalt werden; aus dieser Grunderfahrung entwickelt die Sektion ihre verschiedenen Arbeitsrichtungen und Schwerpunkte. Das Studium der Anthroposophie, ihre Vermittelbarkeit und Rezeption bilden dabei eine Grundlage und einen integralen Bestandteil. Die Erkenntnis des Werdenden, des Lebendigen und sich Wandelnden erfordert eine aktive Rezeption, die auf eine individuelle, fragende Auseinandersetzung und auf die eigene Erfahrung baut. Die Suche nach dem Verständnis des Menschen in seinem Verhältnis zum Kosmos, zu seiner Umwelt und Mitwelt, zum Anderssein des Anderen und zu sich selbst als einem Werdenden, kann dieses Verhältnis beleben; sie kann inspirierend und verändernd wirken. Ein solcher Versuch der Erkenntnisgewinnung als aktive Teilhabe an der Wirklichkeit umfasst Anforderungen, die über eine bloße Wissensaufnahme hinausreichen. Die Allgemeine Anthroposophische Sektion stellt sich die Aufgabe, Formen einer aktiven Rezeption der anthroposophischen Geisteswissenschaft zu fördern und im Austausch mit Menschen, mit Institutionen, mit Berufsbereichen und Ausbildungen weiter zu entwickeln, darunter auch am Goetheanum selbst.
Einen meditativen Weg der Selbstentwicklung zum tieferen Wirklichkeitsverständnis eröffnete Rudolf Steiner 1924 in neunzehn Lehrstunden der sogenannten „Ersten Klasse“ der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft – und er hielt diese mitstenographierten „Klassenstunden“ in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion. Der in den Stunden aufgezeigte seelisch-geistige Schulungsweg möchte durch den übenden Vollzug die Ich-Werdung des Menschen in Erkenntnis vertiefen. Das suchende Verhältnis einer Wesensbegegnung mit sich und der geistigen Wirklichkeit kann die Zuwendung zur Welt und zum Anderen, zur Mitwelt und Umwelt, in eine wachsende Verbindlichkeit und Verbundenheit führen. Im Studium der Geisteswissenschaft werden hierfür die Erkenntnisgrundlagen gebildet: eine begriffliche Form, die erlaubt, das Werdende und Wesenhafte einer geistigen Wirklichkeit mit der Helle des Bewusstseins zu durchdringen und hieraus Leben zu gestalten. Der innere Schulungsweg der Klassenstunden ist die Grundlage aller Fachsektionen am Goetheanum und ihrer Arbeit in den verschieden Lebensgebieten. Er eröffnet darüber hinaus weltweit Räume der Begegnung zwischen Menschen, in denen diese Art der Erkenntnissuche praktiziert werden kann.
Zu den Kernaufgaben der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion gehören schließlich auch wissenschaftliche Studien, Publikationen und Veranstaltungen, die ein vertieftes Verständnis und die Aufnahme einer inneren Beziehung zum Werk Rudolf Steiners und seiner Mitarbeitenden sowie zum Wesen und zur Entfaltung der Anthroposophie im 20. Jahrhundert ermöglichen, damit auch zur Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Geschichte.
Erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
Unmittelbar nach der Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft während der Weihnachtstagung 1923/24 beginnt Rudolf Steiner mit dem Aufbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und ihrer Fachsektionen. Als „Seele“ und esoterischer Kern der Gesellschaft und der Sektionen werden der spirituelle Schulungsweg der Klassenstunden von ihm eingerichtet.
Der Entwicklungsweg der Ersten Klasse der Freien Hochschule besteht seit seiner Begründung durch Rudolf Steiner aus 19 durch ihn übermittelte Klassenstunden. Mit dem Entschluss zur Mitgliedschaft und Aufnahme wird ein Erkenntnisweg betreten, welcher unterschiedliche Arbeitsweisen verbindet: Zum einen eröffnet die Teilnahme an den Stunden die Möglichkeit einer individuellen Entwicklung der inneren geistigen Schulung. Zum anderen ermöglicht sie die Bildung einer tragenden Verantwortungsgemeinschaft mit anderen Menschen gegenüber den Aufgaben, die durch die Zeit gestellt sind. Auf diese Weise kann es in der Zusammenarbeit zu einem Austausch von spirituellen Fragen und Gedanken des Einzelnen mit den Lebenserfahrungen und Impulsen anderer kommen.
Ausgangspunkt für den esoterischen Weg der 1. Klasse ist die Erkenntnis, dass der Mensch als Ich-Wesen in der geistigen Welt und im Erdenleben zugleich in seiner physische Gestalt beheimatet ist. Indem er die mantrischen Bilder und Situationen dieses Erkenntnis- und Übungsweges in den Klassenstunden oder in der Meditation durchlebt, kann er sich einerseits seiner eigenen geistigen Wesenheit und seiner Verbundenheit mit der kosmisch-geistigen Welt bewusst werden. Andererseits kann er an dieser Bewusstwerdung Verwandlungsimpulse entwickeln und diese in sein irdisches, berufliches und gesellschaftliches Leben hineintragen.
Zunächst von Rudolf Steiner selbst, später vom Vorstand am Goetheanum und von der Hochschul-Leitung wurden in Ländern und Regionen Menschen beauftragt, die Arbeit an den Klassenstunden im Zusammenwirken mit den Mitgliedern der Freien Hochschule durchzuführen. Bis heute haben sich weltweit zahlreiche Hochschul-, Vermittler- und Arbeitskreise gebildet, die sich über Fragen der Arbeit innerhalb der Ersten Klasse verständigen und unterschiedliche Arbeitsformen entwickeln. Die koordinierende Arbeit in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gehört zu den Aufgaben der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion und steht in enger Zusammenarbeit mit der Goetheanum-Leitung und mit den Vermittler- und Hochschulkreisen in den Ländern.
Entstehung, Entwicklung und heutige Praxis
Anlässlich der Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft während der Weihnachtstagung 1923/24 beschreibt Rudolf Steiner die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und beginnt als ihr Leiter unmittelbar danach mit ihrer Einrichtung. Dabei beabsichtigt er, sie nach drei Klassen und in Sektionen zu gliedern.
Für die Mitglieder der Ersten Klasse werden im Laufe des Jahres 1924 innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion insgesamt 38 esoterische Stunden (Klassenstunden) von Rudolf Steiner gehalten, davon 26 in Dornach. Diese gliedern sich in einen abgeschlossenen, grundlegenden spirituellen Lehrgang von 19 Vorträgen in der Zeit vom 15. Februar bis 2. August 1924, einige an anderen Orten gehaltene Stunden sowie in sieben weitere Stunden vom 6. bis 20. September 1924, die inhaltlich einen ersten Teil der 19 Stunden in modifizierter Form aufgreifen. Darüber hinaus plant Rudolf Steiner den Aufbau einer Zweiten und Dritten Klasse, den er infolge seiner Krankheit und seines Todes nicht mehr verwirklichen kann.
Schon seit 1904 leitet Rudolf Steiner bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine esoterische Schule, die in Anknüpfung an esoterische Traditionen in drei Abteilungen bestand (vgl. GA 264-266/I-III). Die drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind als Weiterentwicklung und Metamorphose dieser Schule zu verstehen.
Die von Rudolf Steiner innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion gehaltenen esoterischen Stunden für die Erste Klasse enthalten Meditationssprüche mit entsprechenden Erläuterungen. Er hielt streng darauf, dass die esoterischen Inhalte dieser “Michael-Schule” innerhalb eines Menschenkreises bleiben, dessen Mitglieder bestimmte Voraussetzungen erfüllen: die Entscheidung, einen meditativen Entwicklungsweg zu gehen, das Zusammenwirken zu pflegen und sich in der täglichen Lebenspraxis für die anthroposophische Arbeit einzusetzen (“Repräsentanz”) (vgl. GA 260a, S. 112 ff.). Die Stunden wurden mit Rudolf Steiners Einverständnis mitstenographiert.
Auf Grundlage der Nachschriften beginnen nach Rudolf Steiners Tod zunächst die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum, später auch vom Vorstand beauftragte örtliche "Lektoren", diesen esoterischen Lehrgang an Mitglieder der Ersten Klasse zu vermitteln. Bis heute haben sich weltweit zahlreiche Lektorenkreise gebildet, die sich über Fragen der Arbeit innerhalb der Ersten Klasse der Hochschule verständigen und der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion neue Lektoren zur Bestätigung vorschlagen. Mit der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion sind heute die Mitglieder des Vorstandes am Goetheanum von der Hochschulleitung beauftragt.
Neben der Form, die Inhalte der Ersten Klasse im Wortlaut Rudolf Steiners zu vermitteln, entwickelten sich die so genannten frei gehaltenen Stunden, in der die Erläuterung und die Hinführung zu den Mantren in individueller Gestaltung der Lektorin oder des Lektors vollzogen wird. Außerdem wird heute auch Gesprächsarbeit in unterschiedlicher Art gepflegt. Grundlage und Voraussetzung für diese und weitere mögliche Formen gemeinsamer Arbeit ist der individuelle meditative Umgang mit den Mantren.
Nachdem die Inhalte der Klassenstunden im Lauf der Jahrzehnte nach dem Tod Rudolf Steiners nicht allein in dem Kreis bleiben, für den sie bestimmt waren, und zum Teil in zweifelhafter Form veröffentlicht werden, publiziert die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Vorstand am Goetheanum 1992 diese Texte innerhalb der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe. Obwohl heute jedem diese nicht zum individuellen Studium gedachten Texte zugänglich sind, arbeiten die Hochschulmitglieder entsprechend der grundlegenden Voraussetzungen zur Mitgliedschaft in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (vgl. GA 260a) an diesen Inhalten, indem das gesprochene und gehörte Wort im Mittelpunkt steht.