Die Klassenstunden der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft
«Es ist […] eine stärkere Stoßkraft nötig, als früher angewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf, einziehen soll»,1 so Rudolf Steiner im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft 1923/24. Durch die «esoterische Schule des Goetheanum» als einer realen «Michael-Schule» auf Erden werde die anthroposophische Bewegung erst ihre «spirituelle Stärke» erhalten, die sie dringend benötige. «Die geistige Welt will mit der Menschheit in dem gegenwärtigen Augenblicke der historischen Entwickelung etwas, will dieses Etwas auf den verschiedensten Gebieten des Lebens, und an uns ist es, klar und wahr den Impulsen aus der geistigen Welt heraus zu folgen.»2
Vom Raum der Geschichte und des Neuen
Das Neue und Zukunftsweisende, das Humane wie Michaelische, erfordere den ganzen Einsatz, die notwendige Bereitschaft, den Willen, die Fähigkeiten und die Geistes-Gegenwart, denn die entgegenstehenden Mächte und deren Interessen seien stark. «Kräfte» seien am Werk, «die ahnen lassen, in welche Abgründe die westliche Zivilisation noch hineinsteuern wird».3 Rudolf Steiner ging es, einer Formulierung Goethes aus dem Gedicht ‹Das Göttliche› zufolge, um das Retten und Heilen, um das Bestehen und Fortbestehen der Menschheit und Menschlichkeit – durch Initiativen, Neuanfänge und Neugebilde, die dem von Oswald Spengler prophezeiten ‹Untergang des Abendlandes› etwas Wirkungsvolles entgegensetzen konnten, von der Pädagogik bis zum sozialen wie ökonomischen Leben. Rudolf Steiner zufolge steht in der existenziellen Gegenwart des 20. Jahrhunderts nicht länger nur das «Abendland» oder Europa auf dem Spiel, sondern der Bestand der Erde.
Die Sektionen oder Fachbereiche der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind für die «verschiedensten Gebiete des Lebens» da, in die die neuen Impulse kommen sollen. Sie wurden 1924 als Forschungs-, Lehr-, Ausbildungs- und Praxisstätten konzipiert – für die einzelnen Lebensgebiete der Moderne. «Leistungen» erhoffte Rudolf Steiner von den Hochschulabteilungen, die der Welt «vor Augen treten» sollten, eine «denkbar größte Öffentlichkeit». Für ihn war die Erdenwelt im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in einer existenziellen Krise und Gefährdung, aber sie war zugleich offen und sensibel für den Wandel, das Neue. Da, wo der «Grundstein» des Neuen «leuchten» und «wärmen» soll «für den Fortschritt der Menschenseelen, für den Fortschritt der Welt»,4 können sich Menschen einsetzen, oder anders: Nur durch diese Menschen und ihre Arbeit ist dieses Licht und diese Wärme im Zeitalter Michaels möglich. Die Vaterunser-Zeile «Dein Reich komme» ‹übersetzte› Rudolf Steiner mit den Worten: «Dein Reich erweitere sich in unseren Taten und in unserem Lebenswandel.»5
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GA 260a, S. 190.
GA 260, S. 94.
Ebd. S. 270.
GA 260, S. 69.
GA 268, S. 341.