Auseinandersetzung mit den Kräften des Bösen

Auseinandersetzung mit den Kräften des Bösen

08 Dezember 2023 Peter Selg 177 mal gesehen

Die Beschäftigung der Sektion mit dem Nationalsozialismus ist eine Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit der Kräfte des Bösen – und dem Mut zu überleben.


Am letzten Tag der Weihnachtstagung 1923/24 sagte Rudolf Steiner: «Wenn man heute in die Welt hinaussieht, so bietet sich, zwar seit Jahren schon, außerordentlich viel Zerstörungsstoff. Kräfte sind am Werk, die ahnen lassen, in welche Abgründe die westliche Zivilisation noch hineinsteuern wird.» (GA 260, 1. Januar 1924 abends, 1994, Seite 270)

Die Auseinandersetzung mit den Kräften des Bösen durchzieht Steiners ganzes Werk, spitzte sich aber 1923 nach der Zerstörung des Goetheanum, der politischen Radikalisierung Deutschlands und des Aufstieges des Nationalsozialismus weiter zu. «1933, meine lieben Freunde, bestünde die Möglichkeit, dass die Erde mit allem, was auf ihr lebt, zugrunde ginge», sagte Rudolf Steiner noch im September 1924, in einem seiner letzten Vorträge. (GA 346, 20. September 1924, 2001, Seite 239) «Man müsste im Sinne des Apokalyptikers sagen: Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann, muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt.» (ebd., Seite 239f.)

Auseinandersetzungmit dem Nationalsozialismus


Zu den Aufgaben der Allgemeinen Anthropo­sophischen Sektion am Goetheanum gehört auch die Auseinandersetzung mit vielen der damit verbundenen Fragen. Ich möchte für das Jahr 2023 nur vier Arbeiten kurz erwähnen: eine Studienreise nach Weimar und Buchenwald (DE), die historische Erforschung des Verhaltens anthroposophischer Ärzte im Nationalsozialismus, eine Buchmonografie zum Thema ‹Anthroposophie und Antisemitismus› und das Lebenszeugnis von Jacques Lusseyran.

Im April 2023 waren wir mit den Teilnehmern des internationalen Anthroposophie-Studiums drei Tage in Weimar und in der Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald, wo zwischen 1937 und 1945 mehr als eine Viertelmillion Menschen aus 26 Nationen inhaftiert wurden, von denen jeder Fünfte starb. Wir gingen unter anderem der Frage nach, wie es möglich war, dass gerade in nächster Nähe zu Weimar, von dem so wesentliche humanistische Kräfte ausgegangen waren, der Einbruch des Bösen erfolgte – und vergegenwärtigten Rudolf Steiners Warnungen und seine Initiativen gegen diese Entwicklung.

Die im Ita-Wegman-Institut unternommene wissenschaftliche Studie zum Verhalten der anthroposophischen Ärzteschaft und der pharmazeu­tischen Firmen Weleda und Wala sowie zum Überleben der heilpädago­gischen Heime im Nationalsozialismus wird 2024/25 im Schwabe-Verlag (Basel, CH) in drei umfangreichen Bänden publiziert. Im Frühjahr 2024 wird der erste Band mit über 900 Seiten erscheinen; eine Medienkonferenz in Berlin (DE) ist geplant.

Über das im Herbst 2023 von der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion herausgegebene und zusammen mit Udi Levy und Iftach Ben Aharon erarbeitete Buch zu ‹Anthroposophie, Judentum und Antisemitismus› wurde in ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 11/2023 bereits berichtet. Nicht zuletzt der autobiografische Beitrag von Udi Levy in diesem Band ist von hochaktueller Bedeutung.

Kräfte aus der Anthroposophie


Am 17. April 1970 sprach der Buchenwald-Überlebende Jacques Lusseyran im Großen Saal des Goetheanum über die «courage de survivre» (Mut zu überleben) – mithilfe von Kräften, die er in der Anthroposophie fand. Der blinde Dichter hatte ab seinem 17. Lebensjahr die Widerstandsorganisation ‹Volontaires de la Liberté› (Mitarbeitende der Freiheit) gegen den Nationalsozialismus mit Schülern der Pariser Gymnasien Louis-le-Grand und Henri IV. sowie Studierenden der Sorbonne (FR) aufgebaut.

Meinem kleinen Erinnerungsbuch an ihn ‹Der Mut des Überlebens. Jacques Lusseyran in Buchenwald›, das zu Michaeli erschien, würde ich Übersetzungen in alle Weltsprachen wünschen – um Jacques Lusseyrans und der Zukunft willen.