Der Wille zur Zukunft

Der Wille zur Zukunft

10 November 2023 Peter Selg 111 mal gesehen


Im Juli 1920, drei Monate vor der Eröffnung des Goetheanum als einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, sagte Rudolf Steiner in einem Vortrag, dass die abendländische Kultur und die Entwicklung der Menschheit ein «frühzeitiges Ende» finden werde, «wenn die Menschen sich nicht entschließen, sie zu retten». Keine höheren Mächte könnten der Menschheit diese Aufgabe abnehmen: «Allein das gilt, was die Menschen tun, indem sie die niedergehende Zivilisation aus sich heraus retten.» [1]

Ein Organ der Freiheit und Zukunft


Alles Zukünftige ist auf den Willen gestellt, auf die Erfahrung des wollenden Ichs. Dieser freie Wille des Menschen war in der Antike weitgehend unbekannt – und wird von zahlreichen Philosophen, Psychologen und Physiologen in seiner eigenständigen Existenz bis heute bestritten. Dennoch trat der Wille in der letzten Phase der Neuzeit an die Stelle der Vernunft als bis dahin höchster geistiger Funktion des Menschen; Immanuel Kant sah den «absoluten Wert des Menschen» an die «Autonomie des Willes» gebunden. [2]Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel macht sich der denkende Mensch die Welt zu eigen, «zu etwas, das wesentlich und unmittelbar das Meinige ist». Das Ich des Menschen ist in der Welt «zu Hause», «wenn es sie begriffen hat». Aber erst der Wille prägt der nicht mehr fremden Welt die «Spur des Geistigen» auf, des eigenen Geistigen, so Hegel. [3] Als solcher hat der bewusste Wille [4] eine große Nähe zum menschlichen Ich, zum geistigen Zentrum des Menschen.«Das Ich ist eigentlich […] ganz und gar willensartiger Natur», betont Rudolf Steiner. [5] Der Wille ist kein sekundäres Ausführungsorgan der Vernunft oder des Be­gehrens, sondern eine eigene Macht, wie im 20. Jahrhundert unter anderem Hannah Arendt überzeugend darlegte. [6] Er ist geradezu ein geistiges Organ für die Zukunft, wie das Gedächtnis eines für die Vergangenheit ist, ein Organ der Freiheit und der Zukunft. [7]Diese Zukunft ist grundsätzlich unbestimmt und kann daher Neues bringen, Unvorhersehbares. Die wirkliche Zukunft ist das auf uns Zukommende – und nicht die Folge und Fortsetzung der Vergangenheit. Die Vergangenheit ist gewiss, die Zukunft aber notwendigerweise ungewiss, daher von Angst und Hoffnung gesäumt.

Das Unvollendete


Der wollende Mensch greift über sich selbst hinaus, über sein gegenwärtiges Sein, auch über seinen Leib. Handelnd leben wir uns in die Gesetze und Vorgänge der Umwelt ein, transzendieren unseren Organismus, sind beim anderen. Zugleich erwachen wir für uns, werden unser selbst gewahr. Der Mensch erkennt sich in seinen Taten und wird in ihnen erkannt.Mit dem Leben «in den Gliedern» [8] vollziehen sich die Ichwerdung und Individualisierung als ein leibwerdendes, handelndes und verantwortliches Wesen auf Erden, das schicksalsbildend in die Zukunft geht.Es ist dabei nicht zuletzt die Herzens-Mitte des Menschen, die ihm gestattet, in der Durchseelung des Ideenlebens und seiner Aufnahme in den existenziellen Willen zukunftsbildend tätig zu werden, mit «Idealen, die aus dem Feuer und aus dem Licht ihres Herzens heraus geboren» werden, wie Rudolf Steiner sagt. [9] Unsere Handlungen werden dabei immer unvollendet, fragmentarisch bleiben; der Wille ist ‹Keim› und erreicht seine volle Wirklichkeit auf Erden nicht, er ist stets Anfang und in gewisser Weise ‹überreal›. Er ist größer als dieses eine Erdenleben. Aber wir müssen beginnen.

Der gemeinsame Wille


Sehr wichtig ist im Zusammenhang der Weihnachtstagung 1923/24 und der ‹letzten Ansprache›, dass es nicht nur einen in­dividuellen Willen des Einzelnen gibt, sondern auch einen gemeinsamen, einen Willen der Gemeinschaft. «Dass gut werde / Was wir aus Herzen / Gründen, / Was wir aus Häuptern / Zielvoll führen wollen.» [10] Im Handeln ist, so Hannah Arendt, «stets ein Wir mit der Veränderung unserer gemein­samen Welt beschäftigt». [11] Nur gemeinsam, in verbundener Tätigkeit erreichen wir etwas – daher auch diese Goetheanum-Welt­konferenz der Begegnung und Absprachen. Der Wille des einen kann im Herzen des anderen und der anderen wirken. Die Vaterunser-Zeile «Dein Reich komme» übertrug Rudolf Steiner mit den Worten «Dein Reich erweitere sich in unseren Taten und in unserem Lebenswandel.» [12]

Von der Hoffnung


Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben und gemeinsam in die Zukunft gehen. [13] Der Umschwung von einer rein materialistischen zu einer spirituellen Weltauffassung wird kommen, durch alle Krisen und Abgründe der Gegenwart hindurch. Wir brauchen die Kräfte der Hoffnung, der Zuversicht für das Künftige und müssen Neuanfänge gemeinsam wagen. «Der Wille mit seinen Zukunftsplänen rüttelt an dem Glauben an die Notwendigkeit, an dem Hinnehmen der Verhältnisse der Welt, das er Gleichgültigkeit nennt.» (Hannah Arendt [14])Wir sollten die «Gleichgültigkeit» überwinden, das Noch-nicht-Vergegenwärtigen und das «Welten-Willens Liebe-Wort» tatsächlich in die «Höhenziele» unserer Seele wirksam aufnehmen. [15] Wir sind dann nicht allein, «Im Wollen erwache: du bist in den Geistes-Wesen der Welt» [16].


Fußnoten

1 Rudolf Steiner: GA 198, Vortrag vom 9. Juli 1920, 1984, Seite 209f.

2 Zitiert nach Hannah Arendt: Denktagebuch. 1950–1973, München 2022, Seite 816

3 Ebd., Seite 85

4 Vgl. Peter Selg: Friedrich Schiller. Die Geistigkeit des Willens, Dornach 2010

5 Rudolf Steiner: GA 207, Vortrag vom 2. Oktober 1921, 1990, Seite 84

6 Vgl. Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes, München 2022, Seite 245ff.

7 Vgl. Peter Selg: Der Wille zur Zukunft, Arlesheim 2011

8 Vgl. Rudolf Steiner: GA 260, Vortrag vom 25. Dezember 1923, vormittags, 1994, Seite 60

9 Rudolf Steiner: GA 155, Vortrag vom 14. Juli 1914, 1994, Seite 163

10 Rudolf Steiner: GA 260, Vortrag vom 25. Dezember 1923, vormittags, 1994, Seite 66

11 Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes, München 2022, Seite 426

12 Rudolf Steiner: GA 268, ‹Das esoterische (Apostel-)Vaterunser›, 2015, Seite 341

13 Vgl. Peter Selg: Das Leben des Geistes in der Corona-Krise. Von der Hoffnung und vom Vertrauen in die Zukunft, Arlesheim 2022

14 Hannah Arendt: Vom Leben des Geistes, Seite 422

15 Rudolf Steiner: GA 40, ‹Michael-Imagination›, 2019, Seite 93

16 Rudolf Steiner: GA 265, 2018, Seite 465