Die Einzigartigkeit jeder Individualität

Die Einzigartigkeit jeder Individualität

10 November 2023 Sebastian Jüngel 91 mal gesehen


«Zum Humanismus gibt es im 20. Jahrhundert viele Stimmen», sagt Constanza Kaliks, Co-Leiterin der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum. Sie und ihr Kollege Peter Selg sehen in der Auseinandersetzung mit den Beiträgen des jüdischen Humanismus angesichts akuter Konflikte und zivilisatorischer Herausforderungen eine existenzielle Aufgabe, die sich die Allgemeine Anthroposophische Sektion vorgenommen hat. Eine von vielen, wie auch die Forschungsbroschüre* der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft zeigt.

Differenzierte Beziehung Rudolf Steiners


Warum ausgerechnet durch eine Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft? Peter Selg zeichnet im Buch ‹Anthropo­sophie, Judentum und Antisemitismus› die Beziehung Rudolf Steiners zum Judentum, zum Zionismus und zum Antisemitismus nach. Diese erweist sich als differenziert: Voller Hochachtung gegenüber den kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen von Menschen, die mit der jüdischen Kultur verbunden sind; kritisch gegenüber einem nationalen Zionismus, den Rudolf Steiner – wie jede andere nationalstaatliche Bewegung – für überholt und gefährlich hielt; zudem wählte er in den 1880er-Jahren Formulierungen, die zu Irritationen bei jüdischen Freunden führten. Peter Selg bettet sie in den Kontext des damaligen Diskurses ein und zeigt auf, dass Rudolf Steiner auch zu späterer Zeit Anteil an den Entwicklungen in Palästina nahm, das Werk Martin Bubers schätzte und Zionisten wie Ernst Müller und Hugo Bergman eng verbunden war.Rudolf Steiners Interesse aber wurde nicht von allen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft geteilt; Antisemitismus gab es auch in den eigenen Reihen und seine Aufarbeitung ist notwendig, wie Peter Selg zeigt, dessen Ausführungen den Charakter eines Referenzwerkes haben.Peter Selg und Constanza Kaliks sehen in den Werken jüdischer Philosophinnen und Philosophen des 20. Jahrhunderts eine Nähe zum sozialen wie spirituellen Anliegen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Constanza Kaliks: «Die im jüdischen Humanismus beschriebenen Perspektiven nehmen den Menschen in seiner geistigen Dimension wahr. In der Zuwendung zum anderen ist die Menschlichkeit des Menschen selbst begründet. Dies eröffnet einen Dialog mit sich, mit den anderen und mit der Welt, der auf einen erweiterten Horizont des zu Erkennenden weist. Hierin liegt auch die Möglichkeit eines weiterführenden Dialogs zwischen dem Hochschulimpuls Rudolf Steiners und den Philosophen des jüdischen Humanismus.»

Dialog zwischen Anthroposophie und jüdischem Humanismus


Peter Selg und Constanza Kaliks ist wichtig, dass der bisher weitgehend unterbliebene Dialog zwischen Anthroposophie und jüdischem Humanismus heute geführt wird. Dafür erschlossen sie seit 2021 am Goetheanum die Lebenswege, Schriften und das Wirken von Martin Buber, Franz Rosenzweig, Primo Levi, Hans Jonas, Hannah Arendt, Simone Weil, Gustav Landauer und Maria Krehbiel-Darmstädter – auf der Grundlage einer umfassenden wissenschaftlichen Primär- und Sekundärliteratur; weitere Veranstaltungen zu Emmanuel Levinas und Paul Celan finden noch 2023 statt. Die Reihe wird 2024/25 mit Würdigungen von Ernst Müller, Hugo Bergman, Gershom Scholem und Margarete Susman fortgesetzt.


Titelbild: Primo Levi in der Bibliothek, 1983 (an den Seiten beschnitten). Foto: Monozigote/Wikipedia, CC ASA 4.0 International.