Die Welt Ita Wegmans
Sie war eine geborene Kosmopolitin – und kam über Java, die Niederlande und Berlin in die Schweiz, wo sie in Zürich studierte und in Arlesheim bei Basel ärztlich praktizierte. Von ihrem Stützpunkt in Arlesheim, ihrem ‹Klinisch-Therapeutischen Institut›, ging es wieder weit hinaus in die Welt.
Sie war die Hälfte des Jahres auf Reisen, in Frankreich, Schottland und England, in Belgien und in den Niederlanden, in Palästina, der Türkei und Griechenland, auf Sizilien, in Italien und in Skandinavien, in Deutschland und in Island, in der Tschechoslowakei, in Österreich, Bulgarien, Ungarn, Serbien und Kroatien. Es waren, mit sehr wenigen Ausnahmen, Reisen zu neuen therapeutischen Orten, die auf ihre Initiative hin entstanden – oder durch Menschen, die im Klinisch-Therapeutischen Institut gelernt hatten. Es waren medizinische Praxen und erste anthroposophische Kliniken, zahlreiche heilpädagogische Heime und Tagesstätten. Ita Wegman besuchte die Menschen, sah Patienten und Mitarbeiter, gab therapeutische Ratschläge, beriet in der politischen Lage, schlichtete interne Krisen, half bei Finanzierungen, hielt Klassenstunden und anthroposophische Zusammenkünfte ab, zur Vertiefung der Gemeinschaft und Intensivierung der Arbeit, auch zur Gewinnung innerer Resistenz in schwierigen Zeiten. Griechenland besuchte sie 1932 jedoch ohne therapeutischen Auftrag. Nach sieben schwierigen Vorstandsjahren in Dornach meldete sie sich von der Generalversammlung ab und bereiste mit Ilse Knauer die alten Mysterienstätten.
Auf dem Rückweg mit dem Schiff nach Venedig schrieb sie am 26. Mai 1932 an Fried Geuter: «Ich habe diese Reise herrlich genossen und habe ganz Griechenland in mir aufgenommen. Wie ein heilender Balsam hat das Alte, Wunderbare auf mich gewirkt und ich fühle mich wie neu geboren und kräftig, Rudolf Steiners Werk, so wie ich es in meinem Herzen trage, unbeirrt weiter fortzusetzen. Und wenn Sie alle mithelfen, werden wir schon den Teil [von] R. Steiners Intentionen, die auch mit mir, mit meiner Individualität zusammenhängen, durchsetzen, wenigstens so viel als unsere Kräfte es können, oder so viel als für die Zukunft gerettet werden muss. Es ruht eigentlich die tiefste Tragik auf unserem Wirken in diesem wie im vorigen Leben, und doch sagte Rudolf Steiner einmal zu mir, dass diese Tragik in der Zukunft aufgehoben sein wird, ja, jetzt schon aufgehoben ist. Und doch konnte das alles geschehen, was geschehen ist! Es müssten halt auch Menschen sein, die Verständnis haben, denke ich, Verständnis für Karmawirken! […] Es ist schon wesentlich, Griechenland und diese Stätten besucht zu haben, und wenn man von den alten Mysterien auch nichts mehr findet als Trümmerhaufen, so ist die Landschaft noch da und das menschliche Herz, das manches miterlebt hat in diesen alten Zeiten. Es ist dann, als ob im Bilde alles wieder neu ersteht und das Herz leise spricht von den alten Zeiten.»1
Sie wäre gerne öfter über Europa hinaus mit dem Schiff zu anderen Kontinenten gereist, was in diesem Leben aber nicht mehr gelang. George Adams Kaufmann zufolge wollte sie mit Rudolf Steiner nach seiner Genesung in die USA. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erwog sie, so Liane Collot d’Herbois, auf eine entsprechende Einladung hin eine Klinikgründung in Kanada und eine Übersiedlung dorthin, westwärts.
Mit ihrem internationalen Beziehungsnetz, ihren vielen Freunden, Bekannten und ehemaligen Patienten, war sie auch in Zeiten der Not handlungsfähig. Als es galt, bedrohten Menschen im nationalsozialistischen Deutschland, darunter insbesondere jüdischen Freunden und Bekannten, ins nichtdeutsche Ausland zu verhelfen, war sie rasch, zielstrebig und erfolgreich tätig – wie in diesem Umfang niemand sonst in der damaligen Anthroposophischen Gesellschaft.
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