Innere Arbeit und Kulturwirksamkeit

Innere Arbeit und Kulturwirksamkeit

08 Dezember 2023 Claus-Peter Röh 213 mal gesehen

Die Hochschultagung ‹Der Grundstein und das mantrische Gut der Freien Hochschule› von 1. bis 5. November am Goethe­anum eröffnete neue Impulse der Zusammenarbeit von Hochschulmitgliedern und Klassenvermittler/inne/n.


Bei der einleitenden Fortbildung der Vermittlerinnen und Vermittler blickte Christiane Haid (Goetheanum) auf die Entwicklung des Rosenkreuzer-Wirkens bis hin zu den von Rudolf Steiner übersetzten Rosenkreuzerworten im Grundstein «Aus dem Göttlichen weset die Menschheit» und zu den Abschlüssen der Septemberstunden, in denen die Verbindung von Michael- und Rosenkreuzerschule vollzogen wird.

Der zweite Abschnitt der Vermittler­zusammenkunft nahm in einem grundlegenden Beitrag von Peter Selg die Entwicklungsgestalt der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die Entstehungsgeschichte der Vermittler-Aufgabe und die umfassendere Verantwortungsbildung gegen­über den Sektionen und der Anthropo­sophischen Gesellschaft in den Blick.

Claus-Peter Röh (Goetheanum) fügte ein Bild der gegenwärtigen Herausforderungen an: Der Weg zur Beauftragung erweitert sich, stets gilt es, die Anfrage an die Vermittlertätigkeit sowohl örtlich als auch regional in einen Gesamtzusammenhang einzubetten. Von einem Generationswechsel begleitet wird an vielen Orten der Wille der Mitglieder wahrgenommen, Mitverantwortung für die Klassenarbeit zu tragen. Wie ist es möglich, im Zusammenhang mit den Klassenstunden Arbeitsformen zu bilden, in denen sich individualisierende Wege zu tragenden Gemeinschaften zusammenfinden und sich stärkere Verbindungen zwischen innerer Arbeit und den Sektions- beziehungsweise Lebensfeldern in der Welt bilden können?

Geburt eines innerlichen Lichts

Die sich anschließende Tagung mit den Hochschulmitgliedern eröffnete Constanza Kaliks (Goetheanum) mit den Qualitäten des Sehens und des Hörens: Die Geburt eines innerlichen Lichtes im Durchgang durch die Finsternis und das Entwickeln eines Gesprächs aus dem erlebenden Hören der Sprache verknüpfte sie mit der Imagination der 10. Klassenstunde, in der sich das Lesen der Sternenschrift in ein Hörerleben des Göttlichen verwandelt. Dieses aufgreifend entwickelte Peter Selg (Goetheanum) die Bedeutung des Herzorgans für das Erleben des Geschehens der Weihnachtstagung 1923/24: Indem wir als Menschen das Herz als geistig-physisches Wesen mit Anthroposophia durchdringen, wird es fähig, Wahrnehmungsorgan für die sich durchdringende menschliche Dreigliederung zu werden, aber damit auch für das Erfassen unserer zukünftigen Aufgaben im Blick auf die Weiterentwicklung der anthroposophischen Bewegung.

Für den Bereich der Fachsektionen stellte Matthias Rang (Naturwissenschaftliche Sektion) eine Frage an die Naturwissenschaft: Kann es – wie in den Forschungen Johann Wolfgang Goethes – möglich werden, wissenschaftlich und zugleich geistoffen die Naturphänomene lesen zu lernen? Er beschrieb einen Übungsweg in der Verbindung der Elemente mit unterschiedlichen Denkqualitäten: Vom ‹Entweder A oder B› in der physikalischen Mechanik zu einem nachvollziehenden Denken in Bezug auf das flüssig Bewegte – vom Raumerweiternden und Umgebungsoffenen im Bereich des Luftigen bis zum Allesdurchdringenden in der Wärme. Hieraus ergaben sich Bezüge zu den Mantren der Ersten Klasse und weiter zur Wasser-, Luft- und Wärmehülle der Erde heute.

Wahrnehmend künstlerische Tätigkeit

Aus der Sektion für Schöne Wissenschaften heraus leitete Christiane Haid zur Frage des Transhumanismus über: In welcher Weise ist das wahrnehmende Ich des Menschen noch an Experimenten beteiligt, welche in Schlagzeilen mit ‹KI macht Kunst› betitelt werden? Die Gegenüberstellung von ahrimanischen und michaelisch-christlichen Qualitäten der Intelligenz verband sie mit den ‹Anthroposophischen Leitsätzen› einerseits und mantrischen Motiven andererseits. Ihr Fazit lautete: In der Begegnung mit jenen Kräften wird die wahrnehmend erkennende künstlerische Tätigkeit des Menschen eine entscheidende Rolle spielen.

Hier schloss Philipp Reubke aus der Päda­gogischen Sektion heraus unmittelbar an: Die menschliche Fähigkeit, aus freier innerer Eigenständigkeit gestaltend tätig zu werden, wird in frühester Kindheit veranlagt. Als entscheidender Faktor dafür zeigt sich die Wahrnehmungsfähigkeit des Erziehenden für jenen verborgenen geistigen Kern des Kindeswesens, der noch im Werden ist. Diese Fähigkeit auszubilden ist eine Frage innerer Schulung, wie sie sich in der Arbeit mit den Klasseninhalten entwickeln kann.

Solche Fragen zur Kulturwirksamkeit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und ihrer Ersten Klasse galt es in den Arbeitsgruppen der Tagung zu ver­tiefen. Sie reichten von der anthroposophisch inspirier­ten Meditation (Nathaniel Williams, Jugendsektion) bis zum Zusammenhang von Klassenstunden-Gestaltung und Eurythmie (Carina Schmid, CH).

Staunendes Hören

Ein neues sprachlich-künstlerisches Erfahrungsfeld öffnete sich am letzten Abend der Tagung. Nach einer Einleitung durch Constanza Kaliks zur Problematik der Über­setzung mantrischer Texte ließen Rik ten Cate (NL), Marjatta van Boeschoten (GB) und Stefano Gasperi (IT) die Mantren der 17. Klassen­stunde in niederländischer, englischer und italienischer Sprache erklingen. Besonders für diejenigen – so der spätere Rückblick –, die in einer der Sprachen nicht zu Hause waren, entstand ein tief staunendes Hören, das gerade im ruhigen, ein­fachen Erklingen der mantrischen Sprache zu Entdeckungen «wie in einem inneren Neuland» führte, eine «Nähe zum Wesen des Michaelischen» erahnen lassend.

Hinblickend auf die Hundertjährigkeit der Septemberstunden und der letzten Ansprache von Rudolf Steiner im kommenden Jahr fand der Vorschlag Zustimmung, die Hochschultagung dann nicht im November, sondern von 25. September bis zum Michaeli­tag am 29. September 2024 durchzuführen.