Mehr als eine Studiengemeinschaft

Mehr als eine Studiengemeinschaft

28 Februar 2023 251 mal gesehen

Nach dem Brand des Goetheanum sah Rudolf Steiner einen zweiten Bau nur unter der Voraussetzung einer veränderten Anthroposophischen Gesellschaft für sinnvoll an. Er reiste Anfang des Jahres 1923 immer wieder nach Stuttgart (DE), zum damaligen Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft, um sich mit den Verantwortlichen über den krisenhaften Zustand des anthroposophischen Gemeinwesens zu besprechen.


Die Gesellschaft war nicht dazu in der Lage gewesen, den Bau vor Angriffen zu schützen, weil sie selbst in keinem guten Zustand war. Das sollte und musste nun in kurzer Zeit anders werden. «Der Wiederaufbau hat nur einen Sinn, wenn hinter ihm eine selbst­bewusste, ihrer Pflichten eingedenke, starke Anthroposophische Gesellschaft steht.» [1]

In tage- und nächtelangen Gesprächen ging Rudolf Steiner im Januar und Februar 1923 in Stuttgart auf die Vielzahl der Probleme innerhalb der Gesellschaft ein. Seiner Analyse zufolge hatten unter anderem die verschiedenen anthroposophischen Gründungen der Gesellschaft seit 1919 Kräfte entzogen. Rudolf Steiner bejahte die Bewegung für soziale Dreigliederung, die Gründung der Waldorfschule, die Eröffnung der ersten anthroposophischen Kliniken und die Arbeit der Christengemeinschaft aus ganzem Herzen; er vermisste jedoch die Menschen in der Anthroposophischen Gesellschaft, die sich seit den Gründungen in erster Linie um ihre neuen Einrichtungen kümmerten und nicht mehr in diesem Ausmaß um die Gesellschaft.

Eine Gesellschaft mit Aufgaben- und Weltbewusstsein

Ohne Zweifel betrachtete Rudolf Steiner die Gesellschaft weiterhin als Gefäß der Anthroposophie und als Ausgangs- und Vereinigungspunkt aller anthroposophischen Initiativen, als Trägerin der gesamten und gemeinsamen Sache. Die Gesellschaft hatte sich jedoch zu einer Zweig- und Studiengemeinschaft entwickelt, die nicht mit den aktiven Entwicklungen in verschiedenen Lebensgebieten Schritt hielt. Für die initiativen, zumeist jüngeren Mitglieder, die in großer Zahl nach Weltkriegsende beigetreten waren, verlor die Gesellschaft mehr und mehr jede Anziehungskraft. Rudolf Steiner sprach davon, dass sie dabei sei, ein «Hemmschuh» der wirksamen Anthroposophie in der Welt zu werden, als ein Verein mit «sektiererischen» Tendenzen, der dem Ansehen der Anthroposophie nicht förderlich sei. Die Gründungen aber seien ihrerseits in Gefahr, ohne den Bezug zum Zentrum der Anthroposophie mittelfristig ihre spirituelle Substanz zu verlieren und zu verflachen. In positiver Wendung forderte Rudolf Steiner eine Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, mit Aufgaben- und Weltbewusstsein, die einzelnen Gründungen zur gemein­samen Sorge und Aufgabe der Gesellschaft zu machen – bei Wahrung der Unabhängigkeit der entsprechenden Institutionen.

Ermöglichung wissenschaftlicher Arbeit


Noch viele weitere Themen wurden in den Krisenkonferenzen vom Januar und Februar 1923 in Stuttgart behandelt – Rudolf Steiner wollte eine viel intensivere Arbeit der anthroposophischen Forschungsinstitute und Wissenschaftler/innen an den Auf­gaben, die er in seinen Fachkursen entwickelt hatte – und ein viel größeres Engagement der Gesellschaft für eine Ermöglichung wissenschaftlicher Arbeit und für die Bekanntmachung ihrer Ergebnisse. Er wollte eine positive Ausgestaltung der Beziehungen zur akademischen Wissenschaft (statt einer polemischen Auseinandersetzung mit ihr); er forderte aber auch eine Anerkennung der von Anthroposophen geleisteten wissenschaftlichen Arbeit im Binnenraum der Gesellschaft, statt einer Hinnahme dieser Arbeiten mit einem «ungeheuren Phlegma, mit einer ungeheuren Selbstverständlichkeit» [2]. Man müsse sich in der Anthropo­sophischen Gesellschaft schulen, menschliche Leistungen anzuerkennen.Immer wieder unterstrich er dabei, dass die Anthroposophie kein Sondergut einer vom Schicksal begünstigten Randgruppe sei, sondern eine «allgemeine Menschheits­sache» [3]; man müsse lernen, «das Gedeihen der anthroposophischen Sache als eine Angelegenheit der gegenwärtigen Zivilisation» zu begreifen [4] – und endlich eine Gesellschaft aufbauen, die dem gewachsen sei.Die Anthroposophische Gesellschaft müsse sich Aufgaben stellen, vor denen die Öffentlichkeit Respekt habe – und sich für die Welt und ihre Probleme interessieren, an deren Lösung mitarbeiten. In eins damit müsse die Anthroposophische Gesellschaft Anthroposophie ohne Dogmatismus, aber auch ohne selbstverleugnende Kompromisse vertreten, «mutvoll aus dem innersten Kern heraus» [5]. Die «Quellen des anthroposophische Lebens» müssten neu fließen können [6] und die Anthroposophie als ein lebendiges Wesen oder als ein «unsichtbarer Mensch» mehr und mehr erlebt werden, demgegenüber man sich verantwortlich fühle, in jedem Augenblick des Lebens [7]. An diesem «unsichtbaren Menschen» gelte es zu «erwachen» – und am Du des anderen Menschen, dem man in der Anthropo­sophischen Gesellschaft begegne, weil auch er sich dem Wesen der lebendigen Anthroposophie verbunden fühle. Von diesem «Erwachen» für das Wesen der Anthropo­sophie, für das Du und Wir der anderen Anthroposophen und für die drängenden Aufgaben der Welt machte Rudolf Steiner die Zukunftsfähigkeit der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung abhängig.

Weltgesellschaft und Goetheanum


Nach der versuchten Neuordnung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, die nur bedingt gelang, förderte Rudolf Steiner die Entwicklung weiterer «autonomer Landesgesellschaften» in zahlreichen Ländern; das Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft sollte in Zukunft nicht mehr in Deutschland liegen, sondern in einer Weltgesellschaft mit ihrem Mittelpunkt im Dornacher Goetheanum und seiner Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Für diese neue, «internationale» oder «allgemeine» Weltgesellschaft, die an Weihnachten 1923 gegründet wurde, gestaltete er den zweiten Bau.


Titelbild: Modell Erstes Goetheanum (Detail). Foto: Xue Li.

Der Folgebeitrag über die ‹autonomen Landes­gesellschaften› und die Weltgesellschaft erscheint in ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 4/2023.

Fußnoten

[1] GA 257, Vortrag vom 23. Januar 1923, 1989, Seite 15

[2] GA 259, Besprechung am 22. April 1923, 1991, Seite 498

[3] GA 257, Vortrag vom 23. Januar 1923, 1989, Seite 17

[4] GA 259, Ansprache am 6. Januar 1923, 21.30 Uhr, 1991, Seite 75

[5] GA 258, Vortrag vom 16. Juni 1923, 1981, Seite 141

[6] GA 257, Vortrag vom 22. Februar 1923, 1989, Seite 102

[7] GA 258, Vortrag vom 16. Juni 1923, 1981, Seite 138