Nachtwache

Nachtwache

20 Januar 2023 468 mal gesehen

Artikel von Peter Selg


Diese unerwartete Freude – dass so viele Menschen gekommen sind, an diesem Abend, zu dieser Nacht, zur Sonne um Mitternacht. Nach der schweren Zeit, in der der Bau so leer war, mitunter fast sinnlos erschien, in einer sinnlos werdenden Welt. Plötzlich waren sie da, die Freunde der Anthroposophie, die Freunde des Baues, die Freunde Rudolf Steiners und der Anthroposophischen Gesellschaft, in so großer Zahl. Sie waren da, und sie waren wach. Der große, leuchtende Bau nahm sie auf und umgab sie, und sie umgaben ihn. Es hatte Ängste vor Übergriffen gegeben, nach all der gesammelten Kritik, in den Nachrichten jeglicher Art, den fremden und den eigenen. Noch immer stehen hölzerne Gebäude auf dem Dornacher Hügel, die Schreinerei der Weihnachtstagung, die Schreibstube Helene Finckhs, noch immer gibt es die große plastische Gruppe aus Holz, den Christus und die Mächte des Bösen – so viel Brennbares. Aber nichts Übles geschah. «Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch». Friedrich Hölderlins Rettendes wuchs, in der Nacht der Erinnerung, in der das alte Goetheanum im neuen geborgen war, geschützt und gerettet, im Sein der Menschen, in ihrem Zusammen-Sein.


Die Freunde waren da, in so großer Zahl, so überzeugend und ehrlich, so bewusst und bescheiden. Und viele so jung, auf weiten Wegen gekommen, von Georgien oder Südamerika. Sie bildeten eine Gesellschaft der Zukunft und der Hoffnung, eine Gesellschaft mit dem Antlitz des Menschen. Das Goetheanum atmete, die Welt-Gesellschaft, die Rudolf Steiner erhoffte und wollte, war da. Sie war da auf dem Hügel – und im Bewusstsein der Menschen in der Weite der Welt, die des Baues gedachten, der Nacht und des Morgens, wo auch immer sie weilten.


Die Aufgaben bleiben bestehen, turmhoch, die heilsame Empfindung des Nichtgewachsenseins, von der Rudolf Steiner sprach. Aber auch der Mut zur Zukunft im Geist der Hoffnung und einer Utopie, die die Morgenröte in den Blick nimmt, an den Morgen glaubt und an ihm baut. In der Brandnacht war die Anthroposophische Gesellschaft als Realität erlebbar, so sagte Rudolf Steiner, in der Stunde der Not. Hundert Jahre später war sie es wieder, im Angedenken und in den Keimen des Neuen, die aus der Ruine wuchsen, trotz aller Negation. «Ich denke in dieser Zeit viel an die Geschichte von Hiob, weil ich eine sehr starke Empfindung habe, dass es uns auch so gehen werde wie ihm – nach so viel Leid, alles wird uns wieder gegeben, und noch mehr hinzu, nicht dieselbe Schönheit des Baues, aber doch eine andere Schönheit. Eine zweite Sommerzeit sollte doch für uns kommen. Nicht darüber lachen! – Ich glaube schon, die gute Zeit kommt, wir haben es so nötig; und die Welt muss wieder ein Goetheanum haben, so wenig sie es verdient, und so wenig sie es vorläufig versteht.» [1]


[1] (Edith Maryon für Rudolf Steiner, 11. Mai 1923).