Widerstand und Weltverbundenheit
Haus Schuurman und das Haus Ita Wegmans sind die beiden letzten Bauten beim Goetheanum und im Umraum des Goetheanum, die Rudolf Steiner noch auf den Weg gebracht hat. Sie beherbergen heute in erster Linie den Ort des Anthroposophie-Studienseminars für Studierende aus aller Welt (Haus Schuurman) sowie das Ita-Wegman-Institut für anthroposophische Grundlagenforschung (Haus Ita Wegman auf dem Gelände der Klinik Arlesheim, CH).
Der Beginn
Die Klausur wurde mit den Wochensprüchen des ‹Anthroposophischen Seelenkalenders› für die Nord- und Südhalbkugel eröffnet, die über die folgenden Tage in verschiedenen Sprachen erklangen und die Arbeit der Goetheanum-Leitung im kommenden Herbst, Winter und Frühjahr begleiten werden.
Sodann wurde die aktuelle Doppelnummer Nr. 33–34/2025 der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› in allen Artikeln vorgestellt; die intensivierte Begleitung der Publikationsorgane des Goetheanum (‹Das Goetheanum›, ‹Anthroposophie weltweit›) und des Verlags am Goetheanum bildet eines der Ziele der nächsten Zeit.
Es folgten Konferenz- und Arbeitsberichte der Mitglieder der Goetheanum-Leitung aus den Sommerwochen – mit aktiver Teilnahme an Tagungen in Brasilien, China, Frankreich, Großbritannien, Kolumbien, Mexiko, Rumänien, Russland, Serbien, Taiwan und den USA sowie mit Berichten über Veranstaltungen am Goetheanum selbst.
Auch erfolgte ein Vorblick auf das Rudolf-Steiner-Kolloquium im Dezember an der Harvard University (US): Die dort von verschiedenen Mitarbeitenden des Goetheanum eingereichten Forschungspapiere wurden zur Präsentation angenommen, und zwar die von Russell Arnold, Jan Göschel, Constanza Kaliks, Johannes Kronenberg, Matthias Rang, Peter Selg, Gaia Termopoli und Nathaniel Williams. Auch Martina Maria Sam und Philipp Kovce vom Rudolf-Steiner-Archiv, Dornach (CH), werden Arbeiten in Harvard vorstellen.
Die Gäste
Wir baten in verschiedenen Zeiteinheiten Andrea de la Cruz, Alexander Faldey und Lukas Schöb, Angelika Schmitt und Philipp Kovce sowie Markus Wespel, zu uns zu kommen und von ihrer Arbeit zu berichten.
Andrea de la Cruz ist in der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion für die ‹Anthroposophical Studies› mitverantwortlich zuständig; mit ihr bewegten wir die Perspektiven für ein erweitertes Studienangebot am Goetheanum, unter Einschluss eines jährlichen Gesamtverzeichnisses aller Lehr- und Weiterbildungs-Veranstaltungen. Alexander Faldey und Lukas Schöb von der Leitung der Klinik Arlesheim (CH) berichteten vom Stand des Neubaus der Klinik, der Geschichte des Projekts und den aktuellen Herausforderungen, Angelika Schmitt und Philipp Kovce als neue Leitung des Rudolf-Steiner-Archivs von der laufenden Fertigstellung der Gesamtausgabe Rudolf Steiners und den Zielen der Zukunft. Mit ihnen wurde unter anderem über Möglichkeiten der intensivierten Zusammenarbeit bei wissenschaftlichen Editionen und Projekten gesprochen. Markus Wespel führte uns durch den wunderbaren Gartenpark mit Gärtnerei am Goetheanum.
Weitere Themenschwerpunkte
Ausgehend von einigen Wirkensmotiven Ita Wegmans, die bei der Präsentation des Ita-Wegman-Instituts in Arlesheim im Vordergrund standen – Weltoffenheit und Weltverbundenheit / Widerstand / nicht-elitäre Anthroposophie in Bescheidenheit für alle Menschen –, bewegten wir damit zusammenhängende Fragen für das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft und die Zukunft der anthroposophischen Bewegung weltweit: Wie kann es uns vermehrt gelingen, kompromisslos für die Anthroposophie einzustehen und negativen Entwicklungen entgegenzutreten, uns zugleich aber nicht abzuschotten, sondern positive Kräfte und Tendenzen in der Gegenwart auch außerhalb der eigenen Zusammenhänge wahrzunehmen und Verbindung mit ihnen aufzunehmen?
An Daniel Nicol Dunlop hatte Ita Wegman am 17. April 1933 mit Blick auf die gerade installierte NS-Regierung in Deutschland, den drohenden Verlust aller gesellschaftlichen wie individuellen Freiheiten und die Verfolgung Andersdenkender in einem langen Brief unter anderem geschrieben: «Wie verhalten wir uns – und das gehört doch auch zu unseren Aufgaben, sonst hat Anthroposophie gar keinen Sinn, wenn wir sie nur für uns im stillen Kämmerlein uns aneignen – zu diesen großen Dingen, um so zu arbeiten, dass wir vielleicht manches verhüten können durch unsere richtige Einstellung und durch die richtigen Taten?»
Wir bewegten in diesem Zusammenhang auch konkrete Fragen, wie wir mit den so begrenzten ökonomischen Ressourcen in der anthroposophischen Bewegung und angesichts der Finanzlage des Goetheanum mit Elan und Bescheidenheit weiterarbeiten und die sozialen Zielsetzungen Rudolf Steiners in Zukunft mehr und mehr erreichen können.
Das Hochatelier und das Haus Maryon
Am letzten Tag der Klausur fand unter anderem ein gemeinsamer Besuch im Hochatelier am Goetheanum vor dem Modell der Gruppe des Menschheitsrepräsentanten statt.
Arbeitsgruppen aus der Goetheanum-Leitung trafen sich anschließend in den Räumen des Eurythmie-Hauses, in dem unter anderen Edith Maryon und Assja Turgenieff wohnten. Sie vertieften und verinnerlichten das in diesen Tagen gemeinsam Bewegte.
In Edith Maryons Exemplar der Buch-Ausgabe seiner Aufsätze zur sozialen Dreigliederung (‹In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus›, GA 24) schrieb Rudolf Steiner im Spätherbst 1920, kurz nach der Eröffnung des Goetheanum als einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft:
«Heilsam ist nur, wenn
Im Spiegel der Menschenseele
Sich bildet die ganze Gemeinschaft;
Und in der Gemeinschaft
Lebet der Einzelseele Kraft.
Das ist Motto der Sozialethik.»*
Dieser Spruch eröffnet jeden Dienstagmorgen die Mitarbeitenden-Versammlung am Goetheanum.
Titelbild: Goetheanum-Leitung während der Führung durch den Goetheanum-Gartenpark mit Markus Wespel. Foto: Peter Selg.
Sprecher/in der Goetheanum-Leitung: Peter Selg und Constanza Kaliks
* Zitiert nach Peter Selg: Die Intentionen Ita Wegmans 1925–1943, Arlesheim 2019, Seite 148